Aufstand am Tempelberg

Auf dem heiligen Berg wurden beim Neubau einer Moschee archäologische Fundstücke zerstört. Ein Student hat den Fall aufgedeckt - und damit Zusammenstöße zwischen Juden und Moslems ausgelöst

Von Paul Badde

Das Konzert der heulenden Sirenen, der hupenden Polizeiautos - es muss Musik in den Ohren Zachi Zweigs gewesen sein: Die Zusammenstöße vom Wochenende zwischen jüdischen Demonstranten und frommen Moslems vor dem Löwentor am Tempelberg in Jerusalem konnte auch ein riesiges Polizeiaufgebot nur mühsam unter Kontrolle bringen. Gut für Zachi Zweig, denn damit war das Schweigen über die unerlaubten Bauarbeiten auf dem Tempelberg endlich gebrochen, gegen das der 26-jährige Archäologiestudent der Bar-Ilan-Universität nun schon seit einem halben Jahr im Alleingang angerannt war. Der Tempelberg, der für viele als das größte Hindernis auf dem Weg zum Frieden gilt, war endlich in die Schlagzeilen zurückgekehrt.

Mit der Entdeckung einiger unscheinbarer Scherben in einem Schuttberg im Kidrontal hat der grimmige junge Mann im Januar einen Stein ins Rollen gebracht, von dem viele in Israel fürchten, dass er noch eine Lawine auslösen könnte: Zachi Zweig ist einem archäologischen Frevel auf die Spur gekommen - und einer Verletzung des "Status quo". Dieser Begriff ist in Jerusalem gleichsam das Zauberwort für Sicherheit und damit für den Frieden.

Doch in den letzten Wochen wurde von der Wakf, der Autonomen Obersten Islamischen Behörde des Platzes - abgeschirmt von den Augen der Öffentlichkeit und ohne jede Rückfrage oder gar Konsultation bei den israelischen Behörden - ein riesiges Loch in das brisante und hochkarätige Erdreich am Tempelberg gegraben, um Platz zu machen für den monumentalen Notausgang einer unterirdischen neuen Moschee. Die wird von den Moslems seit einiger Zeit in den so genannten Ställen Salomos gebaut - einem alten herodianischen Gewölbe unter der Südostecke des Plateaus, das Jahrhunderte lang leer gestanden hatte, nachdem zuletzt Kreuzfahrer die Räume im Mittelalter als Pferdeställe benutzt hatten.

Schon die Grube für den neuen Außeneingang hat enorme Ausmaße: 50 Meter Länge, 25 Meter Breite und 12 Meter Tiefe. Platz für einen wahren Berg an Kubikmetern archäologisch höchst wertvollen Erdreichs, das hier jedoch nicht untersucht, sondern rasch mit Baggern ausgeschachtet und auf Lkws heimlich weggeschafft worden ist. "So etwas ist auf dem Tempelberg in den letzten 1300 Jahren nicht geschehen", sagt Gideon Avni, der Ausgrabungsdirektor der Altertumsbehörde.

Darauf gebracht hat ihn allerdings erst Zachi Zweig, der im Winter erstmals auf eigene Faust die Schuttberge im Kidrontal untersucht hatte, auf die die Lkw-Fahrer ihre Ladungen der Tempelberg-Grube kippten. Dabei kam er einem "archäologischen Verbrechen" auf die Spur - weil "der Tempelberg so wichtig für Israel ist wie die Akropolis für Griechenland oder das Forum Romanum für Rom".

Als Zachi Zweig schließlich eröffnete, in dem Schutt Überreste aus der Zeit des Ersten und Zweiten Tempels gefunden zu haben - mit Resten und Scherben der Römerzeit, der Byzantiner und der frühen Moslems - schickte ihm die Altertumsbehörde die Polizei mit einem Durchsuchungsbefehl ins Haus, die ihn wie einen Grabräuber behandelte und jedes Steinchen mitnahm, dass sie finden konnte. Es war klar: Der Vorgang auf dem Tempelberg sollte streng unter Verschluss gehalten werden.

Damit war es seit jenem Tag freilich endgültig vorbei, denn Zachi Zweig stellte jedes neue Detail ins Internet. Vorher hatten Unbekannte versucht, den jüdischen Studenten mit Resten menschlicher Gebeine am Weiterbuddeln zu hindern, die sie wohl alten Gräbern entnommen und über die Schuttberge verstreut hatten. So strenggläubig war der leidenschaftliche Archäologiestudent jedoch nicht, dass diese Verunreinigung seinen Forschertrieb hätte hemmen können - im Gegenteil: Seine Arbeit bekommt immer mehr Aufmerksamkeit.

Teddy Kollek, der ehemalige Bürgermeister Jerusalems, hat deshalb ebenso wie der amtierende Bürgermeister Ehud Olmert oder die Schriftsteller Amos Oz und A.B. Yehoshua eine Petition unterzeichnet, die eine sofortige Einstellung aller unbeaufsichtigten Arbeiten auf dem heiligen Bezirk verlangen, die letzte Woche erstmals von einer Gruppe von Knesset-Abgeordneten persönlich inspiziert wurden.

Die Presse war dabei nicht zugelassen, jedes Foto streng verboten. Umgeben von israelischer Polizei achteten mitten in Jerusalem auch noch zehn gereizte Wachen der Moscheebehörden streng darauf, dass nicht vielleicht doch ein Parlamentarier zum Fotoapparat griff vor dem neuen steinernen Treppenhaus, wo bis vor kurzem noch all jene Steine des Anstoßes verborgen waren, die von hier aus auf verschiedene Schutt- und Müllberge gekarrt wurden.

Der Zutritt zu der neuen Moschee wurde den Volksvertretern Israels allerdings verwehrt, und so blieb ihnen nur der Blick auf die prächtigen Notausgänge am Ende der neuen Freitreppe, von denen Schlomo Ben-Ami, Israels Minister für die innere Sicherheit, schon im Dezember wusste, dass sie nie wieder geschlossen werden können, "wenn die ganze Stadt nicht brennen soll".

Ahmed Tibi, ein Vertrauter Jassir Arafats, hatte davor gewarnt: "Falls jemand den Nerv haben sollte, die Eingänge wieder zu schließen, erklärt er damit den Moslems den Krieg." Auch Generalstaatsanwalt Eliakim Rubinstein neigt mittlerweile zu der Erkenntnis, dass Israel de facto schon jede Autorität verloren habe, auf dem Tempelberg noch seine Rechte durchzusetzen. Gleichwohl warnt er: "Es darf nicht sein, dass unsere Geschichte einfach aus dem Weg geräumt wird." Oberrabbiner Eliahu Bakshi-Doron hat dagegen nun erstmals nach der israelischen Eroberung von 1967 erklärt, dass der Tempelberg auch nach einer Friedensregelung ganz und gar unter palästinensischer Verwaltung bleiben solle, um ihn nicht zu "einer Waffe in den Händen derer werden zu lassen, die Krieg gegen jene führen, die Frieden machen wollen, . . . und um Blutvergießen zu vermeiden". Aus dem rechten Lager tönte es sofort: "Auch wenn du Oberrabbiner bist, bist du nicht zu der Verfügung ermächtigt, dass der Tempel Gottes unter palästinensischer Kontrolle stehen soll." Andere verlangen seinen Rücktritt: "Weil sich in den 4000 Jahren unserer Geschichte für seine Erklärung kein Präzedenzfall findet."

Fast ebenso viele Kommunikationskanäle laufen heiß, um den Konflikt zu verschärfen, wie um ihn zu entschärfen. Zuletzt mit einer Erklärung aus dem Büro des Ministerpräsidenten, die paradox klingt, aber vielleicht doch nur salomonisch ist: Die Regierung werde die "illegalen Arbeiten" der moslemischen Behörden nicht unterbinden, um größere Auseinandersetzungen in der Stadt und der Westbank zu vermeiden, hieß es, hätte aber doch entschieden, den Status quo an dem Areal aufrechtzuerhalten (wo er doch gerade so offensichtlich verletzt wurde).

Sicher bilden die rund 70 Hektar, auf denen die jüdische Tempelanlage einmal ruhte, auch in Zukunft eines der sensibelsten und explosivsten Stückchen der Erde. Wo sich eines der Hauptheiligtümer der Moslems über dem heiligsten Grund und Boden der Juden erhebt, müssen sich für immer auch alle Möglichkeiten des Konflikts zwischen Israel und Palästina verdichten.

Meron Benvenisti, ein ehemals stellvertretender Bürgermeister der Stadt, ahnte jedenfalls schon vor vier Jahren, dass unter dem Tempelberg "eine Zeitbombe von apokalyptischer Zerstörungskraft tickt".

Der Tempelberg: Treffpunkt der Religionen

Seit fast 3000 Jahren umschließen die Mauern des Tempelbergs in Jerusalem ein künstliches Plateau um den Gipfel des Moria-Felsens. Die Juden verehren den Ort, da ihr Stammvater Abraham dort Gott seinen Sohn Isaak angeboten haben soll. Die Anhöhe oberhalb des Kidrontales, im südöstlichen Winkel der heutigen Altstadt, war schon in vorgeschichtlicher Zeit eine Kultstätte. Nach Auskunft der Bibel hat König David den Platz dem Jebusiter Arauna für 50 Lot Silber abgekauft. Seit damals, etwa dem Jahr 1000 vor Christus, ist er auch archäologisch zu identifizieren. Denn Davids Sohn Salomon errichtete hier nur wenige Jahre später den ersten jüdischen Tempel, den die Babylonier im Jahr 587 zerstörten. - 71 Jahre später wurde der Tempel wieder auf der gleichen Stelle aufgebaut und im Jahr 20 vor Christus von Herodes noch einmal gewaltig erweitert. Im Jahr 638 nahmen dann die Muslime das Areal unmittelbar nach ihrer Eroberung der Stadt in Besitz, um exakt über dem Trümmerfeld des einzigen jüdischen Tempels das erste große Heiligtum des Islams zu errichten, das bis heute im Wesentlichen unverändert geblieben ist. Unter der Regierung Netanyahu haben die Muslime allerdings begonnen, zu dem Felsendom in der Mitte und der Al-Aksa-Moschee im Süden des Platzes auch in den unterirdischen so genannten "Ställen Salomos" unter der Südostecke des Plateaus eine weitere Moschee zu errichten. pb